Bundesgymnasium und Bundesrealgymnasium Villach-Peraustraße
Vom Leben und Sterben der Villacher Sinti im Nationalsozialismus

Bericht von Prof. Hans Haider

Am 5. Juni 1996 haben SchülerInnen unserer Schule gemeinsam mit dem Verein "Erinnern", der es sich zur Aufgabe gemacht hat, verdrängte, verschwiegene und vernichtete Kulturäußerungen und Aspekte des Alltagslebens in der Stadt in Erinnerung zu rufen, die Eröffnungsveranstaltung zur Photoausstellung "Sinti in Villach" gestaltet. Für diese gut besuchte Veranstaltung im Paracelsussaal des Rathauses hat Prof. Johann Leiler gemeinsam mit den SchülerInnen interessante und eindrucksvolle Texte für eine Lesung zusammengestellt. Diese Collage aus Lyrik, Erzählungen, Märchen und Zaubersprüchen der Sinti und Roma hat bei den Besuchern große Aufmerksamkeit hervorgerufen und wurde mit viel Applaus bedacht. Das Eröffnungsreferat mit dem Thema "Leben und Sterben der Villacher Sinti im Nationalsozialismus" wurde von der Historikerin Andrea Lauritsch von der Universität Klagenfurt gehalten. Schon seit zwei Jahren beschäftigt sich Andrea Lauritsch mit diesem, oftmals verdrängten, Zeitabschnitt unserer Stadt.

Bereits seit mehreren Generationen leben in Villach und Umgebung zahlreiche Sinti-Familien. Namen wie Taubmann, Hezenberger, Held und Seeger, um nur einige zu nennen, finden sich schon um die Jahrhundertwende in den Einwohnerverzeichnissen. Vor 1938 waren sie vor allem in den Ortschaften Seebach, St.Martin und Obere Fellach ansässig. Viele von ihnen besaßen das Heimatrecht. Als Musiker, Schausteller, auch auch als Fußballer waren sie wesentliche Repräsentanten der Unterhaltungskultur. Als wandernde Handwerker für notwendige Reparaturarbeiten - Kesselflicker, Messerschleifer - waren sie vor allem in abgelegenen Gegenden sehr gefragt. Sinti-Frauen versuchten durch den Verkauf von Handarbeiten, für ihre durchwegs in ärmlichen Wohnverhältnissen lebenden, kinderreichen Familien, ein zusätzliches Einkommen zu erlangen. Mittels zahlreicher Stereotypen und Klischees hat man diese Volksgruppe an den gesellschaftlichen Rand gedrängt und vielfach diskriminiert.

Mindestens 150 Villacher Sinti wurden ab 1938 verhaftet, deportiert und in den Vernichtungslagern ermordet. Insgesamt wurden in Europa zwischen 1933 und 1945 500.000 Roma und Sinti ermordet.

Besonders berührend ist das Schicksal von Karl Taubmann und Mathilde Pachanik, das erstmals vom Schüler Robert Marhan recherchiert wurde. Im Rahmen einer Projektarbeit über "Zigeuner" mit Prof. Ferdinand Schurian hat Marhan die Zeitzeugin Frau Anna V. aus Villach, Schwester von Mathilde Pachanik, ausfindig gemacht und interviewt. Anna V.: "Es war um vier Uhr früh, als die Gestapo kam. Sie umstellte die Häuser der Sinti in Seebach. Alle Bewohner wurden in Lastautos verladen. Man brachte sie auf die Polizeistation in Villach. Man sagte ihnen, sie würden nach Polen gebracht, um dort Land zu bewirtschaften. Am nächsten Tag wurden sie mit dem Zug weggebracht. Meine Schwester, sie liebte einen Sinti und hatte zwei Kinder mit ihm, ging freiwillig mit."

Heute weiß die Mehrheit der Villacher Bevölkerung nichts über die Sinti, über ihre Sprache, ihre Kultur, ihre Geschichte und ihre Ermordung. Viele kennen nur die alten Klischees von der angeblich "anderen" Lebensweise. Unwissenheit und Vorurteile führen bis heute vielfach dazu, daß ihnen mit Angst und Aggression begegnet wird.

Diese Gedenkveranstaltung, die an die Deportation und Ermordung der Villacher Sinti erinnerte, war die erste öffentliche Veranstaltung in Villach zu diesem Thema. Daran kann ermessen werden, wie tiefgehend die Verdrängung dieses Abschnitts unserer Stadtgeschichte ist. Nach 50 Jahren wurde dieses Tabu von Schülerinnen und Schülern des Peraugymnasiums gebrochen.



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