PERAUGYMNASIUM VILLACH ARCHIV • SCHULHOMEPAGE 1997 - 2014

Redewettbewerb 1996/1997

Interessante Themen wie "Sekten", "Sparpaket", "Scheidung in Familien" wurden im diesjährigen Redewettbewerb bearbeitet. Schülerinnen und Schüler der 5., 6. und 7. Klassen nahmen an der schulinternen Ausscheidung teil und boten zum Teil ausgezeichnete Leistungen. So konnte bei der landesweiten Endausscheidung auch eine Schülerin der 7.D-Klasse mit folgender Rede den zweiten Platz erringen.

Eva Burian



Mein Leben

Meine Damen und Herren,
Damen und Herren,
(denn meine sind sie keineswegs, ich habe nie Besitzanspruch auf sie erhoben)
Menschen,

Bitte setzen Sie sich.
Auch wenn Sie nicht stehen.
Sehen Sie mich an.
Nun habe ich die Macht über Sie.
Ich bin der Mittelpunkt.
Sie sind nur hier wie alle anderen.
Ich bin das Zentrum.
Sie könnten aufstehen und gehen.
Sie werden nicht.
Sie können nicht.
Aber bitte bleiben Sie.
Gehen Sie nicht.
Hören Sie, auch wenn Sie nicht verstehen.
Reden Sie, auch wenn Sie nicht sprechen.
Überlegen Sie, auch wenn Sie nicht denken.
Doch vor allem leben Sie, auch wenn Sie ihr Leben noch nicht gefunden haben.
Doch geben Sie acht und seien Sie nicht naiv genug zu glauben, Sie hätten das Leben gefunden und hielten es fest in ihren Händen,
denn noch nie hat ein Mensch sein Leben für immer gefunden.
Doch schon oft haben Menschen ihr Leben für immer verloren.

Menschen, die Ihr mit mir Mensch seid,
geben Sie mir zwei Minuten.
Zwei kostbare Minuten Ihres Alltags
und ich werden Ihnen Ihr Leben retten.
Oder auch nicht.
Wahrscheinlich nicht.
Vielleicht nehme ich es Ihnen auch.
Vielleicht mache ich Ihnen Angst.
Wenn nicht, machen Sie mir Angst.
Es macht mir nichts aus.
Ich bin Egoist.
Ich bin nicht neu.
Ich bin nicht alt.
Ich bin die Zukunft.
Doch mit jeder Sekunde, die verrinnt,
werde ich mehr Vergangenheit.
So wie Sie.

Mit jeder Sekunde verschwende ich mehr von meinem Leben,
das ich nicht zu retten weiß.
So wie Sie.
Ich stürze mich in die Monotonie des Alltags, um zu vergessen.
So wie Sie.
Doch was versuche ich zu vergessen?
Die Verschwendung der Zeit?
Die Furcht? Furcht, mein Leben nicht zu finden?
Doch um etwas zu finden, muß ich mich erst auf die Suche begeben
und wie kann ich etwas finden, was ich noch nie vorher gesehen habe.

Doch mit jeder Sekunde, in der ich nicht auch versuche, die Leben anderer zu finden, verschwende ich auch deren Leben.
Dazu habe ich kein Recht.
Ich bin nicht einmal Mensch.
Nur Tier.
So wie wir alle.
Dumme Tiere, die ihre Welt zerstören und sich selbst.
Statt sich vor den größeren Tieren zu schützen,
wie es uns der Rest der Natur vorzeigt.
Aber wir dummen Menschentiere haben es nicht notwendig, uns vor uns selbst zu schützen.
Es ist uns alles egal.
Wir sind Egoisten.
Wir spüren nichts.
Wir sehen und riechen nichts
und wenn doch,
dann stürzen wir uns in die Monotonie des Alltags, um zu vergessen.

Nun sagen Sie mir:
Ist das Leben?
Nennt man das Leben leben?

Ich werde nun weiter gehen.
Mich weiter auf die verzweifelte Suche machen.
Ich werde Ich werde versuchen, das Leben von den Bäumen zu ernten,
es in der Luft zu atmen,
es in den Vögeln zu befreien.

Und tief in mir spüre ich:
Der Tag wird kommen, an dem ich es finden werde,
in meinen Armen halte
und sei es auch nur für eine Sekunde,
und ich werde sagen können: ich habe gelebt.

Menschen,
denkt und Ihr werdet sein, sucht und Ihr werdet leben.

Ich bin Ich.
Ich bin.
Ich stehe.
Ich bin Mensch.
Mensch sein.
Blind sein.
Sein.
Sein zu dürfen.
Verstehen, sein zu dürfen
verstehen, Mensch sein zu dürfen
verstehen, zu sein
verstehen, anders zu sein,
kein Mensch zu sein,
kein Mensch sein zu dürfen,
es lieben, Mensch sein zu dürfen
lieben, zu sein
zu verstehen, es lieben, zu sein.

© Autorin

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