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PERAUGYMNASIUM VILLACH ARCHIV • SCHULHOMEPAGE 1997 - 2014
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Maturarede 1999

Der Titel meiner Maturarede lautet: "Erfahrungen beim Verfassen einer Maturarede". Das ist nicht sehr originell, das gebe ich zu. Der Titel stammt auch nicht von mir, ich habe ihn "abgekupfert" von Martin Walsers "Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede", die er anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels gehalten hat. Dem feierlichen Anlass entsprechend, wird auch heute eine "Sonntagsrede" erwartet: 20 Minuten Wohltuendes, Schönes, Belebendes - eben Feiertagmäßiges... Ich weiß nicht, ob ich alle Erwartungen erfüllen kann.

Es ist dies meine 4. Maturarede, nach 30 Jahren Berufsleben, und wohl meine letzte vor der Pensionierung. Was ist geblieben von diesen Reden, von meiner Arbeit überhaupt? Ist die vorhersehbare Wirkungslosigkeit ein Grund, etwas, was man tun sollte, nicht zu tun? Viele meinen ja, ich bin da anderer Ansicht.

Warum ich mich noch einmal zum Rednerpult bemühe, ist einerseits, weil die besondere Leistung der Absolventen bei der Matura gewürdigt werden soll. Sie haben den Typus der AHS in seiner besten Form dargestellt. Sie haben nämlich aus der Fülle menschlichen Wissens und dem Erbe unserer Kultur schwierige Fragen beantwortet. Dies zu erfahren und kennenzulernen ist das Recht und der Anspruch jeder jungen Generation, es weiter zu vermitteln und zu lehren Pflicht und Aufgabe der älteren. Und die AHS hat sich dieser Aufgabe verschrieben. Es gab Zeiten, da hat man diesen Schultypus in Frage gestellt, da war eine rasche Spezialisierung in einer berufsbildenden höheren Schule gefragt. Heute, in Zeiten der Krise auf dem Arbeitsmarkt, wird die solide Allgemeinbildung zunehmend wichtiger, weil vielfältige Qualifikationen darauf aufbauen können. Wer kann heute schon sagen, dass sein Arbeitsplatz bis zur Pensionierung erhalten bleibt?

Allerdings ist die Schule heute zunehmend vom irritierenden "Was denn eigentlich lehren?" verunsichert. Welche Erziehungsziele werden im 21. Jh. noch wichtig sein?
Der Erziehungswissenschaftler William Carr meint, viele Schulen seien wie Inseln, getrennt vom Festland des Lebens durch einen tiefen Graben der Konvention und Tradition. Die Zugbrücke wird für bestimmte Zeiten während des Tages herabgelassen, damit die zeitweiligen Bewohner morgens auf die Insel und abends zurück zum Festland gehen können. Warum gehen diese jungen Menschen auf diese Inseln?
Um zu lernen wie man auf dem Festland lebt. Wenn sie die Insel erreichen, werden sie mit ausgezeichneten Büchern versorgt, die über das Leben auf dem Festland berichten. Hin und wieder, als spezielle Belohnung, nimmt ein Bus einige besonders begünstigte Inselbewohner mit auf eine Reise aufs Festland. Aber die wird nur gestattet, wenn das Lesen der Bücher über das Festland beendet ist. Nachdem der letzte Bewohner der Insel am Nachmittag fortgegangen ist, wird die Zugbrücke hochgezogen. Hausmeister räumen die Insel auf und die Lichter gehen aus. Niemand bleibt zurück, außer vielleicht einem einsamen Wachmann, der entlang des Ufers Wache hält. Die Insel ist ohne Leben an den meisten Samstagen und Sonntagen. Die Zugbrücke zieht den ganzen Sommer über und während anderer längerer Ferien Spinnennetze an. An einem Abend im Jahr brennen die Lichter der Insel lange für ein Ereignis, das Matura heißt. Dann gehen die Inselbewohner fort, um niemals wieder einen Fuß auf die Insel zu setzen..
Nachdem die Maturanten zum letzten Mal von der Insel fortgegangen sind, werden sie von den Problemen des Lebens auf dem Festland bombardiert. Manchmal mag einer der Entlassenen murmeln: "Auf der Insel habe ich darüber ein Buch gelesen!"

Ich glaube Carr irrt. Die Lebensferne, die Carr ironisch anspricht, gehört längst der Vergangenheit an. Für Außenstehende mag das Bild der Schule unverändert erscheinen, aber in den letzten Jahrzehnten hat sich doch viel getan. Als ich mit der Arbeit 1970 begann, waren Mädchen in der Klasse keine Selbstverständlichkeit, da gab's noch ein Knaben- und Mädchengymnasium, waren Overhead, Videorecorder, Cemputer, Internet, Handy unbekannt. Es gab einen Plattenspieler und ein Verlängerungskabel für alle Klassen.

Heute ist die Informationsflut, die Reizflut von außen, das, was die Schule zu bewältigen hat. Nicht die Schule als Insel, abgeschottet von der Umwelt, ist das Problem. Es ist eher das Problem, die Schule gegen die vielen Reize abzuschirmen. Und wer darauf drängt, Eltern oder Lehrer, dass die Kinder lernen, den Wunsch nach unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung zu disziplinieren, in ihrer Sexualität Mäßigung und Gesittung, Sprache und Stil Zurückhaltung zu üben, der gerät in Gegensatz zu fast allen Trends der gegenwärtigen Gesellschaft.

Lehren ist einfacher und zugleich schwieriger geworden. Einfacher, wenn es darum geht, anschaulich zu sein- die Hilfsmittel dazu gibt es genug- schwieriger, wenn es darum geht, das Wesentliche zu finden. Das wesentliche Problem unserer Tage ist ja, ob der heute so verbreitete Lebensstil von Individualismus, Egoismus und die Vorstellung von Selbstverwirklichung die Menschen überhaupt befähigt, die Aufgaben und Pflichten verantwortungsvoll zu erfüllen. Konsum und Konkurrenz, die tragenden Schulen unserer "hl. Kuh"- der Marktwirtschaft - beherrschen nicht nur unsere beruflichen Bestrebungen, sondern sind dabei, alle unsere Beziehungen zu durchsetzen oder zersetzen. Wir werden zum egoistischen Handeln und Denken konditioniert.
Diese Handlungen gelten aber in den Zielen der österr. Schule und in der in einer vom Humanitätsideal getragenen Erziehungskanon als unsozial. Den Kindern muß die Doppelmoral und Scheinheiligkeit der Erwachsenenwelt aufstoßen.
Dazu kommt der zunehmende Zerfall oder das Schwinden von Familie. Es ist nicht gerade einfach für Lehrer, in der Geld - Erlebnis- Mü11gesellschaft gegen Langeweile und Aggressivität anzukämpfen.

Die Arbeit ist für mich in den letzten Jahren schwieriger geworden, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich als Lehrer euch Schüler überhaupt noch erreiche. Da fragt man sich, vielleicht ist's das Alter, hast du vielleicht vergessen, wie du warst, als du jung warst u.ä.
Was ich manchmal vermisst habe, ist, dass Schüler den Unterricht zu ihrer Angelegenheit machen. Manchmal hatte ich das Gefühl, es ist euch ziemlich "wurscht", was da unterrichtet wird. Man schluck den Brei, der serviert wird.

Was ist für Schüler von Interesse?
Nach meinen Beobachtungen ist Unterhaltung in jeder Form gefragt: der Lehrer als Entertainer. Nur schade, dass die Programmauswahl nicht größer ist und man nicht häufiger umschalten kann. Fragen, kritische Fragen kamen eher selten. Ihr wart eine brave Lerngesellschaft. Aber Bildung, wirkliche Bildung orientiert sich mehr an Fragen als an Antworten. Wenn aber keine Fragen kommen, dann wird die Schule zur Stoffabfüllstation und der Lehrer verfällt in professionelle Routine. Kritische Inhalte sind halt anstrengend. Bücher lesen, Zeitung lesen, wozu? Ich krieg's ja vorgekaut. Ich weiß, ich verallgemeinere, aber die Ausnahmen unter euch mögen mir verzeihen.

Wenn Schule neben dem Lehren auch noch Erziehungsaufgaben bewältigen soll, dann steht sie vor beinah unlösbaren Aufgaben.
Einer der höchsten Werte unserer Gesellschaft heute ist Genuss. Lernen ist aber nicht immer lustvoll, die Schule kein Konsum- und kein Cineplextempel. Würde Unterhaltung bilden, dann wären die Amerikaner das gebildetste Volk. Es ist zur Zeit modern, der Schule alles aufzubürden, was eigentlich Sache des Elternhauses ist, nämlich moralische und charakterliche Erziehung. Hier soll aufgefangen, repariert werden. Wir blicken in die Gesellschaft und finden oft überforderte Mütter, Krisen der Partnerschaft, flüchtige Väter, eine menschenfeindliche Arbeitswelt, der Spagat zwischen Kind und Beruf gerät zur akrobatischen Kür.

Die Erziehungskompetenz hat der Zufall übernommen. Junge Leute werden durch die Öffentlichkeit, das, was sie in den Medien sehen, und das was sie bei Gleichaltrigen mitbekommen, viel stärker geprägt als vom Elternhaus. Nachgiebigkeit wird oft zum obersten Erziehungsprinzip, und der Giessener Soziologe Reimer Gronemeyer brachte es auf den Punkt: Das Schwinden der Familie... lässt offenbar nicht das befreite, sondern das infantile Subjekt zurück, das seine Fluchtburg im Supermarkt und in der Videothek findet.
Betrachtet man all diese gesellschaftlichen Veränderungen scheint es an ein Wunder zu grenzen, wie intakt die österreichische Schule noch ist. Nicht zuletzt sind es engagierte Lehrer, die versuchen, Dämme gegen die Beiläufigkeit zu bauen.

Reif sein heißt auch Talent haben zum Organisieren und Disponieren zum Kooperieren. Reif sein heißt auch eingreifen, wenn Dummheit waltet, wenn Hass gesät wird, wenn Muckertum sich breitmacht, wenn Hilfe verweigert wird. In einer Welt der Überreizung und radikaler Sprache werden sehr schnell die Grenzen zwischen Witz und Geschmacklosigkeit und persönlicher Beleidigung überschritten.
Es zeugt von Humor und Verständnis, wenn eine Maturazeitung die Schule, die Lehrer in pointierter, ironischer und satirischer Form auf die Schaufel nimmt, aber es zeugt von primitiver Rachsucht, schlechtem Geschmack und pubertärer Unreife, wenn man für witzig hält, was eigentlich klagereif ist. Diese Abrechnung hat sich keine Schule und kein Lehrer verdient. Sie sehen, es ist mehr nötig, ein reifer Mensch zu werden, als das Maturazeugnis Gegenstände aufweist.

Meine Hoffnungen gehen jedenfalls dahin, dass ihr Maturanten ein gutes Fundament mit in den nächsten Lebensabschnitt mitbekommen habt. Geht frischen Mutes an die nächste Aufgabe. Habt keine Zukunftsängste! Angst ist ein schlechter Ratgeber.
Jagt nicht dem amerikanischen Märchen nach, das uns einreden will, dass mehr Besitz mehr Glück bedeutet, dass wer mehr leistet, bedeutender ist, dass geistig gesund sein, heißt, kein Problem haben und ein Mensch, der nicht permanent glücklich ist, ist abnormal. Außerdem muss man jung und schön sein. Wenn du's nicht bist, erfährst du aus der Werbung, was dich jung und schön macht. Sollten Probleme auftauchen, versuche sie nicht selbst zu bewältigen, melde dich bei der nächsten Talkshow an.
Haltet es lieber mit Wilhelm Raabe, einem Novellisten des 19. Jhs., der den Rat gibt: "Sieh nach den Sternen, hab acht auf die Gassen!"
Mögt ihr euer fernes Ziel immer vor Augen haben, aber verliert unter euren Füßen nicht den Boden der Wirklichkeit, stolpert nicht über die Steine des Alltags.

Der Bildungszug 'Perau" ist in den Kopfbahnhof eingelaufen. Wir Lehrer waren nur Reisebegleiter. Die nächste Reise plant und unternehmt ihr alleine. Wir alle - Lehrer wie Schüler wünschen euch eine angenehme Fahrt, viel Erfolg und eine gute Zukunft.

Prof. Mag. Werner Raup


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