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PERAUGYMNASIUM VILLACH ARCHIV • SCHULHOMEPAGE 1997 - 2014
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Tage der Begegnung
Tagebuch einer Israelreise 1994

Wir haben an einem Wettbewerb des Bruno-Kreisky-Forums für internationalen Dialog zum Thema "Nationalsozialismus und Rechtsradikalismus vor 50 Jahren und heute" teilgenommen. Für einen Diavortrag und eine Broschüre wurden wir vom Forum gemeinsam mit 245 anderen Jugendlichen dafür ausgewählt, an einer Israelreise teilzunehmen. Die Idee hinter unserer Arbeit mit dem Titel "GESTERN-HEUTE-MORGEN" ist ein Versuch, herauszufinden, wie weit Erziehung Kinder manipuliert, wozu erzogen werden kann. Das erschreckende Ergebnis war, daß vor 50 Jahren die Kinder ausgenutzt worden waren und daß auch heute noch die Gefahr besteht, daß Kinder für eine Ideologie mißbraucht werden. Vieles wurde verdrängt und ist vergessen worden. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, daß niemals wieder etwas dem Nationalsozialismus auch nur Ähnliches "passieren" kann.

In Wien wurden wir am Südbahnhof von einem der Mitorganisatoren abgeholt und zum Cafe "Szene" im 11. Bezirk gebracht. Dort gab's erst einmal das große Kennenlernen und später Vorstellung der einzelnen Projekte. Nachdem alle Projekte vorgestellt worden waren, durften wir eine der schönsten oder überhaupt die schönste und ergreifendste Rede hören, und zwar von Prof. Leon Zelman. Prof. Zelman ist für Israel das, was für Österreich Simon Wiesenthal ist und außerdem ist er einer der warmherzigsten und liebenswürdigsten Personen, die wir kennen, wie sich später herausstellen sollte. Leon Zelman war über unser aller Eifer, mit dem wir ganz offensichtlich bei der Arbeit gewesen waren - was aus dem Umfang und der Unterschiedlichkeit der Arbeiten hervorging - sehr gerührt, was er auch durch seine wunderbare Rede zum Ausdruck brachte. So kam es, daß 250 Jugendliche mit Tränen in den Augen einem Mann applaudierten, der es wirklich verdient hatte.

Der Flug in einer Chartermaschine der AUA war nicht nur angenehm, sondern beinahe schon Luxus, und viele von uns haben im Flugzeug einige Stunden Schlaf nachgeholt.

Beim Aussteigen aus dem Flugzeug war der erste Eindruck: "Paradies". Wenn das nicht das Paradies ist, was dann? Die Sonne lachte vom Himmel, in der Luft lag der Geruch von hunderttausenden verschiedenen Gewürzen, gemischt mit Kerosin, und soweit das Auge auch reichte, überall sah man Palmen. Bei sehr sommerlichen Temperaturen waren wir mit unserer, dem acht Grad kalten Wien angepaßten Kleidung, ziemlich fehl am Platz.

Nach dem Auschecken fuhren wir auf einem Umweg über einen Aussichtspunkt, von dem aus wir einen wirklich wunderschönen Blick auf die Stadt Jerusalem hatten, zur Jugendherberge im Jerusalem Forest, wo auch Yad Vashem liegt. Die Jugendherberge war Durchschnitt, man hat uns allerdings erzählt, daß die Zimmer nach israelischer Auffassung wunderschön wären, denn wirklich gute Hotelzimmer sind in Israel angeblich unerschwinglich.

Am Donnerstag, unserem ersten Tag in Israel, fuhren wir dann am Nachmittag, in Gruppen eingeteilt, in israelische Schulen, um dort Israelis in unserem Alter kennenzulernen. In der Ramot-High-School, die wir zugeteilt bekamen, empfing man uns mit offenen Armen, und die, die wirklich anfangs Schwierigkeiten mit dem Kennenlernen hatten - vielleicht gerade, weil man uns so freundlich empfangen hatte - waren wir, die Österreicher. Denn die Israelis sind solch offene Menschen, die mit soviel Begeisterung und Liebe auf jeden Menschen zugehen, daß man ihnen einfach nicht widerstehen kann, und unter ihrer Leitung tauten sogar die steifsten unter uns auf. So wurden Yifat, Lizzi, Tami, Imbal und Adi in den nächsten Tagen zu unseren lieben Begleitern.

Am Freitag besuchten wir gemeinsam mit unseren israelischen Freunden Yad Vashem, die Holocaust-Gedenkstätte. Zuerst spazierten wir durch den Wald der Gerechten aller Völker, wo jeder, egal ob Tscheche, Pole, Deutscher, Österreicher oder was auch immer, der einen oder mehrere Juden während des NS-Regimes "durchgebracht" hat, einen eigenen Baum hat. Der wohl berühmteste von allen, der dort einen Baum besitzt, ist Oskar Schindler. Danach hatten wir eine Führung durch das historische Museum in Yad Vashem.

Wir alle verließen das Museum in bedrückter, depressiver Stimmung. Wer es nicht selbst erlebt hat, kann sich das nicht vorstellen.

In Yad Vashem besuchten wir noch das Kinderdenkmal. Man betritt einen Raum, in dem es völlig dunkel ist und fühlt sich ziemlich verloren. Man kann kaum abschätzen, wie groß der Raum ist, überall sieht man nur Lichter und im Ohr hat man eine Stimme, die einem sanft aber bestimmt die Namen von in KZ's umgekommenen Kindern in drei verschiedenen Sprachen zuflüstert. Und so steht man dort, ist ganz verdattert und auch sehr berührt, und fühlt sich im nachhinein noch unbehaglich und... traurig.

Nach Mittagessen und -pause ging's auf zum Peace Forest, einem Wald, der den Frieden und die Freundschaft zwischen Österreich und Israel symbolisieren soll. Er entstand im Zuge eines Aufforstungsprogramms rund um Jerusalem. Dort pflanzten immer ein Österreicher mit einem Israeli gemeinsam einen Baum als Symbol der Freundschaft. Es wurde ein jüdisches Gebet zum Bäumepflanzen in Deutsch, Hebräisch und Englisch gesprochen, es gab israelische Volksmusik, alles in allem ein weiterer gelungener Höhepunkt auf dieser Reise. Inzwischen hatten wir uns auch an unsere Beschützer gewöhnt, die immer und überall mit ihren Maschinengewehren zugegen waren. Das sei einfach nötig, wurden wir nicht nur von unseren Begleitern belehrt.

Samstag besuchten wir die Altstadt. Zuerst erzählte uns unsere Führerin am Ölberg etwas über den Ölberg selbst, den jüdischen Friedhof, der sich dort befindet, die Kirche aller Nationen, den Garten Gezemane, den Judentempel, an dessen Platz heute der Felsendom (im wahrsten Sinne des Wortes) glänzt. Nachdem wir durch den Garten Gezemane spaziert waren und die Kirche aller Nationen besucht hatten, ging's auf zur Klagemauer. Weder durften wir an der Klagemauer fotografieren - es war ja Sabbat - noch durften wir den Felsendom besichtigen - dies allerdings aus einem anderen Grund: zwei Tage zuvor war nämlich Opfertag gewesen, ein islamischer Feiertag, an dem die Moslems ihre Kirchen für Touristen verschließen. Nachdem wir mit dem Bus in die eigentliche Altstadt gefahren waren, folgten wir der Via Dolorosa bis zur Grabeskirche. In einem Hinterhof eines abessinischen Klosters bekamen wir wiederum einiges über die Altstadt erzählt, bevor wir die Grabeskirche von innen besichtigten. Nun bummelten wir durch das rege Treiben im muslimischen Viertel hin zum ausgestorbenen jüdischen Viertel, wo niemand auf der Straße war - Sabbat! Nachdem wir in einem Restaurant zu Mittag gegessen hatten, fuhren wir mit dem Bus zurück zum Bazar, wo wir nun alleine "shoppen" durften. So mancher gute "Händler" unter uns erstand ein Hemd oder ein Kleid um ein Zehntel des ursprünglichen Preises. Alles in allem war die Altstadt ein Erlebnis, das seinesgleichen sucht.

Samstag abend durften wir dann das erste Mal ein bißchen in das Nachtleben Jerusalems hineinschnuppern.

Der Höhepunkt der Reise fand am Sonntag statt. Im Rehavia-Gymnasium im Zentrum Jerusalems wurde durch Leon Zelman die Halle der Begegnungen eröffnet. Anwesend waren außer unserer österreichischen Delegation und israelischen Schülern noch Teddy Kollek, Ministerin Sonja Moser und Minister Rudolf Scholten. Diese Halle hat für Jerusalem insofern eine große Bedeutung, als sie nicht nur einen Ort der Begegnung und des Dialogs zwischen Jugendlichen verschiedener Völker und Konfessionen darstellt, sondern auch den Ort, die Möglichkeit der Versöhnung, der Gemeinsamkeit.

Für diesen Nachmittag war wiederum "Shopping" angesagt, diesmal aber in der neuen Innenstadt. Das ist ganz eigenartig; einerseits ist die Innenstadt wie eine europäische Großstadt eben auch ist, andererseits hat sie doch dieses ganz eigene Flair, diese eigene Atmosphäre. Es war auf jeden Fall ein weiterer Höhepunkt auf dieser Reise.

Sonntag am frühen Abend waren wir zu einem Empfang des Bürgermeisters auf die Zitadelle an der Stadtmauer geladen. Dazu gab es nur einen Kommentar: Vergeßt alle Burgen, Schlösser und Ruinen, die Ihr bis jetzt gesehen habt, und seht Euch die Zitadelle an!

Je mehr sich die Reise dem Ende zuwendete, umso ausgelassener wurde es; wir begannen jetzt erst so recht zu begreifen, wo wir hier waren und daß wir die Zeit nützen mußten. Am Sonntagabend gab es - schon als Abschlußabend, woran aber Gott sei Dank niemand dachte - allgemeinen Ausgang. Wir durften in Gruppen von mindestens 5 - 6 Personen bis Mitternacht ausgehen - da ließ sich natürlich niemand zweimal bitten! So saßen wir in Begleitung von einigen Israelis mitten in der Nacht in einem Cafe in der Innenstadt unter freiem Sternenhimmel und verschlangen Unmengen von Eis und Frozen Yoghurt.

Unseren letzten Tag, Montag, verbrachten wir wieder mit unseren israelischen Freunden gemeinsam, und zwar am Toten Meer und in der Umgebung des Toten Meeres. Mit dem Bus ging es einmal durch die Wüste - eine unbeschreiblich schöne Landschaft, wenn auch ziemlich leer - nach Ramada, wo wir mehr oder weniger aufmerksam die Ausgrabungen besuchten und den Ausführungen unserer Fremdenführerin lauschten. Um wirklich aufzupassen, fehlte uns einfach die Kraft - bei zumindest 30° C im Schatten!

Nach einem ziemlich salzigen Badevergnügen am Toten Meer fuhren wir noch zu einem Wasserfall in einem Naturschutzpark, der das Wort "Paradies" verblassen ließ durch seine Schönheit.

Aber jetzt war es wirklich so weit - großer Abschied auf einem Parkplatz, Adressen wurden ausgetauscht, ebenso Abschiedsküsse, und wir waren, wie schon so oft in dieser Woche, wieder einmal vor Rührung den Tränen nahe. Im Bus war es auf der Fahrt zu unserem letzten Abendessen in Israel ungewöhnlich leise. Und nachdem wir auf dem French Hill endgültig Abschied genommen hatten von Jerusalem, fuhren wir zum Flughafen nach Tel Aviv. Auf der Fahrt dorthin flossen dann bei uns endgültig die Tränen, unsere bei allen beliebte israelische Gruppenleiterin Anat hat für uns das israelische Lied "Halleluja" gesungen, das uns all die Tage über immer begleitet hat.

Nach einem mühevollen, zeitaufwendigen Security-Check hoben wir dann endgültig ab, Richtung Heimat - leider.

Der zweite Abschied am Wiener Flughafen, diesmal von unseren Wiener Freunden, war mindestens genauso rührend, wenn auch nicht ganz so trostlos. Denn nach Wien kommt man bald - aber nach Jerusalem?

Wir sind natürlich irrsinnig dankbar für alle diese neuen Erfahrungen - wer darf schon an einer symbolischen Reise wie dieser teilnehmen? Und hinter all dem Rummel, der in diesen Tagen um uns herrschte, haben wir nie vergessen, wer uns das alles ermöglicht hat: Frauen und Männer wie Leon Zelman, die hoffentlich auch noch in Zukunft dafür sorgen werden, daß Menschen die Möglichkeit bekommen, an ihrer Idee teilzuhaben. An der Idee des Friedens.

Wir sind guter Hoffnung auf ein Wiedersehen: Es gibt einen Briefverkehr zwischen uns, Wien und Israel, im Sommer ist eventuell ein Nachtreffen geplant und vielleicht schaffen wir es ja, einen Schüleraustausch zwischen Villach und Jerusalem zu organisieren.

Betreuung: Prof. Manfred Hubmann


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