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PERAUGYMNASIUM VILLACH ARCHIV • SCHULHOMEPAGE 1997 - 2014
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Als Gastlehrerin in Estland

Am 20. September 1998 flog ich mit etwas gemischten Gefühlen von Klagenfurt über Wien nach Tallinn. Was würde mich wohl dort erwarten? Ich hatte mich zwar über die Geschichte und die derzeitige Situation des Landes informiert, aber noch immer kam ich mir vor wie auf einer Expedition ins Unbekannte. Zum Nachdenken blieb nicht mehr viel Zeit, der Empfang war überaus herzlich. Der Leiter der deutschsprachigen Abteilung des Tallinna Saksa Gymnasiums und eine estnische Deutschlehrerin führten mich durch die bezaubernde Altstadt der ehemaligen Hansestadt, ließen mich einen ersten Eindruck meiner "Wirkungsstätte " gewinnen und brachten mich schließlich zu meinen Gastgebern. Das Ehepaar spricht Englisch, die Verständigung mit den anderen Familienmitgliedern (Großmütter, Kinder) beschränkte sich hauptsächlich auf pantomimische Zeichen. Vor der schwierigen estnischen Sprache mit ihren 14 (!) Fällen kapituliert auch einer, der vom Lateinischen her ans Falldenken gewöhnt ist.

In dem Gymnasium mit erweitertem Deutschunterricht informierte ich Schüler der 10., 11. und 12. Klasse über Österreichs Geschichte, Geographie, Literatur und über Interessen und Probleme österreichischer Jugendlicher. Da mir ein gut ausgestatteter Medienraum zur Verfügung gestellt wurde und sich der Unterricht nur auf kleinere Gruppen bezog, war es mir möglich, die Schüler direkt anzusprechen und sie auch dazu zu bewegen, sich selbst zu den behandelten Themen zu äußern. Das war nicht immer leicht, denn auch estnische Schüler ziehen es vor zuzuhören - die deutsche Sprache wird aber in dieser Schule sehr gut verstanden. Mit Videos, Folien und akustischen Beispielen (Musik, Dialekt ...) gelang es mir das Interesse der Schüler soweit zu wecken, daß ich Listen mit Wünschen nach Brieffreundschaften und Schulklassenpartnerschaften mitbekam.

Ergänzend muß hinzugefügt werden, daß den meisten Jugendlichen Österreich kaum bekannt war. Es war daher auch nicht notwendig, gegen die üblichen Klischees anzukämpfen. Die BRD ist in Estland bereits ein Begriff. Äußerlich imponiert ein riesiges Botschaftsgebäude, viele deutsche Firmen haben Niederlassungen, eine stattliche Anzahl deutscher Lehrer unterrichtet an estnischen Schulen. Der Präsident des Landes spricht fließend akzentfrei Deutsch und weist oft darauf hin, daß die estnische Kultur wichtige Einflüsse der ehemaligen deutschen Besiedlung bewahrt habe. Es ist meines Erachtens deshalb wichtig, die Menschen, vor allem die Jugendlichen in diesem Land darauf aufmerksam zu machen, daß es neben Deutschland auch Österreich gibt. Das Saksa-Gymnasium hat einen ausgezeichneten Ruf. Die estnischen Deutsch-Lehrer haben hervorragende Sprachkenntnisse, die Disziplin der Schüler ist bemerkenswert.

Manchen Lehrern ist anzumerken, daß sie unter großem Druck stehen. Kein Wunder, wenn man weiß, daß ihr Gehalt nur sehr bescheiden ist und sie deshalb sehr viele Überstunden übernehmen. Das ist in Estland möglich, weil viele ausgebildete junge Lehrer nicht in ihrem Beruf tätig sind, sondern zum Beispiel in Banken oder als Übersetzer arbeiten, Berufe, die besser bezahlt werden.

Aufgefallen ist mir der schlechte bauliche Zustand der Schule, die erst vor 18 Jahren gebaut worden ist. Aber man ist dabei, die ärgsten Mängel zu beseitigen und der Schule auch äußerlich ein entsprechendes Profil zu geben. Das Loslösen von alten Traditionen zeigt sich auch darin, daß Estlands Schulen Namen bekamen und nicht wie bisher mit Nummern bezeichnet werden.

Ein paar Anmerkungen zum estnischen Schulsystem. Die Schüler beginnen mit 7 Jahren die Schule, haben aber bereits in einer Art Vorschule schon Lesen und Schreiben gelernt. Die Schulpflicht dauert bis zur neunten Klasse. Die Klassen 10 - 12 heißen Gymnasium-Klassen und führen zur Matura. Jede Schule hat ihre eigene Spezialität. In der Hauptstadt Tallinn gibt es Schulen mit dem Schwerpunkt Englisch, Französisch, Deutsch, Musik, Kunst, Tanz, Mathematik....
Im Augenblick werden in allen Fächern landesweit neue Richtlinien eingeführt, ebenso gibt es erstmals in vielen Fächern eine Zentralmatura. Für die Fremdsprachen gibt es Gruppenunterricht in kleinen Gruppen, manchmal mit nur 10 Schülern.
Vieles ist an estnischen Schulen völlig anders als in Österreich. Es gibt ein Fachraum-, kein Klassenraumsystem, die Schule ist in vielem autonom, es gibt recht wenige bis ins Einzelne gehende Vorschriften. Die Autonomie ist so groß, daß der Direktor für die Gehälter der Lehrer verantwortlich ist und auch die Stundenzuweisung allein übernimmt, nicht immer zur Freude der Lehrer

Ein strenges Regiment führt der Direktor des russischsprachigen Humanitaargymnasiums. In dieser Schule wurde gerade am Beginn meiner Lehrtätigkeit eine Disziplinarkonferenz abgehalten, derzufolge drei Schüler wegen unerlaubten Rauchens ausgeschlossen werden sollten. Sie wurden letztendlich "nur" verwarnt - was in dieser Schule, die einen sehr guten Ruf genießt, sehr viel bedeutet. Gleichzeitig wurde auch den Lehrern das Rauchen im Schulgebäude verboten(!). Die Schule wirkt von außen nicht sehr einladend, im Inneren gibt es aber überraschend viele gut ausgestattete Klassenräume (Sponsortätigkeit von wohlhabenden russischen Schülereltern). Mein Unterrichtsraum enthielt alle benötigten Unterrichtsmittel, war aber eiskalt. Die Heizung funktionierte wie auch in den folgenden Schulen nicht, zudem konnten zwei Fenster nicht geschlossen werden. Die zwei Deutschlehrerinnen bemühten sich sehr, mir den Aufenthalt in diesem Raum, durch den zeitweise der Wind pfiff, mit heißem Tee erträglich zu machen.

An meinem letzten Tag in dieser Schule wurde ich zu einem Fest eingeladen, das anläßlich des 35. Gründungsjahres stattfand. Gleichzeitig wurde auch der "Tag des Lehrers" (erste Oktoberwoche) gefeiert. An diesem Tag danken in ganz Estland die Schüler ihren Lehrern mit Blumen und kleinen Aufmerksamkeiten! Auffallend war das unterschiedliche Können der Schüler. Einige bestachen durch exzellente Deutschkenntnisse, andere ließen erahnen, daß sie sich mit der Fremdsprache Deutsch (der Schwerpunkt liegt in dieser Schule auf der Fremdsprache Englisch) nicht so recht anfreunden konnten. Da ich bei einer russischen Familie (auf engem Raum) wohnen konnte, bekam ich auch Einblick in die Lebenssituation von Menschen, die sich erst an die geänderten Lebensumstände gewöhnen müssen.

In der Universitätsstadt Tartu absolvierte ich 20 Stunden am Raatuse Gymnasium. Auch diese Schule wirbt Schüler mit dem Angebot eines erweiterten Deutschunterrichtes. Leider ist die Ausstattung der Schule, was Unterrichtsmittel anbelangt, sehr dürftig. Die Bitte der Lehrer um einen eigenen Medienraum blieb bis jetzt unerfüllt. Man spürt es an allen Ecken und Enden: Es fehlt das Geld für wichtige Dinge. Viele Schüler haben nicht einmal das Geld, um sich jeden Tag ein warmes Essen in der Schule zu kaufen.
Wie auch in den anderen Schulen sind in Tartu Grundschule und Gymnasium im selben Gebäude untergebracht. In dieser Schule aber waren Lärm und Disziplinlosigkeit der Schüler in den Pausen auffallend. Einen Lehrer, der Schüler zurechtgewiesen hätte, habe ich nicht gesehen.

Das Paalinna Gymnasium in Viljandi war die letzte Station meiner "Schulexpedition" durch Estland. Hier stand mir ein sehr schöner Lesesaal zur Verfügung. Er war mit dänischer Hilfe ausgestattet. Auch hier lernte ich wie in den anderen Schulen sehr engagierte Lehrer kennen. Versuchsweise durften auch Schüler der Grundstufe meine Stunden besuchen. Das Interesse an den mittels Video vorgeführten Schönheiten Österreichs war groß, mit der Sprache gab es aber verständlicherweise Schwierigkeiten.

Viljandi ist eine sehr hübsche Kleinstadt, die Trinkwasserversorgung stellt aber ein unübersehbares Problem dar. Aus den Rohren kommt rotbraunes, übelriechendes Wasser. Das Wasserproblem ist aber ebenfalls ein Tabuthema wie vieles andere (Verhältnis Esten - Russen, Arbeitslosigkeit, Alkohol...). Suchtprobleme gibt es bereits in einzelnen Schulen. Noch sind es Einzelfälle, die Lehrer sehen sich mit Problemen konfrontiert, die es bis jetzt noch nicht gegeben hat.

Abschließend möchte ich festhalten, daß ich während meines vierwöchigen Aufenthaltes in Estland durchwegs positive Erfahrungen gemacht habe, was Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Lehrer und Gastgeberfamilien anbelangt. Alle waren bemüht, meinen Aufenthalt so angenehm wie nur möglich zu gestalten. Estland ist ein schönes Land, die Menschen sind sehr fleißig, von Natur aus eher ruhig und in sich gekehrt. Hat man aber einmal Zugang zu ihnen gefunden, dann entdeckt man viele liebenswerte Eigenschaften.

Alle Lehrer, die sich für einen pädagogischen Aufenthalt in diesem Land entscheiden, sollten sich dessen bewußt sein, daß sie eine reizvolle, verantwortungsvolle Aufgabe erwartet. Nötig sind Flexibilität, die Bereitschaft, sich auf Ungewohntes einzulassen, sich mit Schwierigkeiten auseinanderzusetzen. Kräfteraubend ist auch das Leben aus dem Koffer, der häufige Wechsel der Unterkunft und des Arbeitsplatzes - ständig begenet man Menschen, auf die man sich immer wieder neu einstellen muß.

Ich kann aber mit gutem Gewissen behaupten, daß ich keine Minute meines Aufenthaltes in diese Reformland bereut habe. Meine Gastlehrertätigkeit hat mir ermöglicht, ein Land kennenzulernen, über das ich bis vor kurzer Zeit kaum etwas gewußt habe. Ich habe hier neue Freunde gewonnen, mit denen ich auch über Privates, Persönliches sprechen konnte.
Vielleicht ist es mir gelungen, mit meiner Arbeit in Estland zumindest einen kleinen Beitrag geleistet zu haben, daß zwei Völker einander näher rücken. Mit dem Gastlehrerprojekt wurde bereits eine Brücke zwischen Estland und Österreich geschlagen. Ganz gewiß werde ich nach Estland zurückkehren, diesmal in ein mir schon bekanntes Land und zu Freunden.

Prof. Dr. Susanne Eder

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